Das Wort zum Sonntag #10

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Welker.
© Johann Husser

Still atmend saß sie am Fußende ihres Bettes und wendete mir den Rücken zu. Irgendetwas schien sie mit ihren Zehen zu machen, jedenfalls hielt sie ihre Wirbelsäule leicht gekrümmt, als suchte sie etwas im Teppich. Dieser bewahre sie nach dem Aufstehen davor, ihre Zehen zu verlieren, hatte sie mir einmal mit ungewöhnlichem Ernst erklärt und ja – in ihrem Zimmer war es kalt. Nicht so im Rest der Wohnung. Hier war alles stets erträglich. Moderat.
Ich zählte die Wirbel, vom freigelegten Nacken abwärts, eins, zwei - „Meine Magenkrämpfe bringen mich um“, unterbrach sie mich. Vier, fünf - „Seit zwei Wochen, ja“, sagte ich, in Gedanken bei der Sieben, bei der Acht. „Willst du nicht langsam mal zum Arzt gehen?“
Stirnrunzelnd warf sie mir über die Schulter, dass sie schon selbst wisse, wann sie was tun wolle.
Keine Ahnung, was ich darauf hätte antworten sollen. 
Es war Mittwoch, morgen würde sie vielleicht wieder mit mir ins Bett gehen. Ich rechnete jedoch nicht wirklich damit. Ich nahm mir vor, mir einen runter zu holen, bevor ich zu ihr fahren würde, um mir die potentielle Abweisung erträglicher zu machen. Der Sex mit ihr hatte für mich zu dieser Zeit weniger mit körperlicher Befriedigung als mit der Vorstellung zu tun, dass solange sie noch mit mir schlief, sie nicht vorhatte, mich in absehbarer Zeit zu verlassen. Ich war nie der Mensch, der sich darum sorgte, verlassen zu werden. Selten war mir eine Beziehung ernst genug, als dass ich mir ernsthaft darüber Gedanken machen wollte, was passieren würde, wenn es einmal vorbei war.
Ich fragte mich damals, wie sie es bloß schaffte, den Winter über so braun zu bleiben. Angeboren konnte es nicht sein, denn jedes Mal, wenn sie sich aufrichtete, um den kleinen Pinsel von Neuem in den moosfarbenen Nagellack auf der Bettkante zu tunken, funkelte der milchige Schein ihrer Brüste durch ihre Achselhöhlen und erinnerte mich an ihre eigentliche Hautfarbe.
Eckiges Licht fiel durch die Jalousien und ließ ihr Haar ein wenig goldener erscheinen als sonst. Waldhonig dachte ich, nicht das billige Blütenteil, das es zu Hause immer gegeben hatte. Ich könnte behaupten, ich konnte die Süße beinahe riechen, doch das tat ich nicht.
Vor ein paar Minuten schien ihr eine Strähne ins Gesicht gefallen zu sein; Hier und da blies sie einen angestrengten Luftstoß aus der Nase, machte jedoch keine Anstalten sie einfach wieder hinter ihr Ohr zu kämmen. Wahrscheinlich war der Lack an ihren Fingernägeln noch nicht getrocknet.
„Wieso bist du denn so ruhig? Ist schon wieder etwas?“, blies sie ihren gespreizten Fingern in leicht verachtendem Ton entgegen.
„Nein, nur ein bisschen müde“, antwortete ich.

Natürlich ließ sie mich in der folgenden Nacht abblitzen. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, sich eine Ausrede auszudenken. Allein der Versuch, ihr näher zu kommen, schien sie wütend gemacht zu haben. Diese Nacht blieb ich wach und schaffte es nicht, mich ihr zu nähern. Was früher selbstverständlich war, kam plötzlich einer Anmaßung nahe, wenige Zentimeter Abstand wurden zu unüberwindbaren Schluchten. Ich vermisste sie, obwohl ich ihren warmen Atem an meiner Schulter spüren konnte. In meinen Gedanken reiste ich durch die Vergangenheit, um den Zeitpunkt auszumachen, an dem ich für sie aufgehört hatte das zu sein, was sie für mich war. Die banalsten Gespräche hallten mir durch den Kopf, ließen mich ein Anzeichen erkennen und wieder verwerfen.
Zärtliche Worte legte ich auf die Waagschale, die unter ihnen zusammenbrach. Auf einmal hatte irgendwie alles Bedeutung, zumindest alles was war. Irgendwann war ich doch eingeschlafen, keine Ahnung, ob es Stunden oder Minuten gewesen sind. Als ich aufwachte, bemerkte ich eine Vase mit vertrockneten Blumen auf ihrer Fensterbank. Alles Schöne muss vergehen, hat einmal irgendein Typ gesagt. Und als ich sie damals nach langem Hin und Her zu meiner Freundin genommen hatte, brach ich damit eine dieser schönen Blumen, die schon so vielen Männern zum Verhängnis geworden sind. Das Einzige, was ich noch tun konnte, war sie in meiner Hand beim Verwelken zu beobachten.

 

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.