Das Wort zum Sonntag #8

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Schlief.
Johanna Lamprecht

Als S. heute morgen auf dem staubigen Teppich neben seinem Bett erwachte, stellte er mit Erstaunen fest, dass er so intensiv und klar geträumt hatte, dass ihm dieser Traum wie ein ganzes Leben vorkam. S. rieb sich den körnigen Schlaf aus den Augen und bemerkte, dass er hellwach war. Dies war eher eine Besonderheit. Die Sonne funkelte zwiespältig durch die kleine Discokugel, die am Fenster hing. Bunter Staub in der Luft, der einem für gewöhnlich verborgen blieb. Er ließ einen Blick durch das Zimmer schweifen. Alles wie gewohnt: Tito schlief sich auf- und abblähend am Plaid auf der Seemannstruhe, die Wände waren immer noch im selben abgetappten eierschalenweiß gestrichen. Die Wandfarbe des Vormieters schimmerte noch an jenen Stellen durch, für die S. sich hätte strecken müssen, um sie abzudecken. Hier und da ein Bild von Freunden, mit denen er in letzter Zeit weniger Kontakt pflegte, das Poster eines Filmes, dessen Buchvorlage S. viel besser gefunden hatte. Die Luft war trotz der Kälte abgestanden. Er setzte sich auf und ließ seine Hand über das Leintuch gleiten. Er hielt am anderen Ende des Bettes inne. Die Stelle fühlte sich kühl und leblos an, auf seltsame Weise vertraut und dennoch fremd, wie das Negativ einer Fotografie, an dessen Entstehung man sich nicht mehr erinnern kann. Die Zeit im Traum war zäh und zaghaft geronnen, sodass S. nicht sagen konnte, wie lange er geschlafen hatte. Die Wanduhr tickte mit jämmerlich ungleichem Ton, kein Zeiger bewegte sich vom Platz. In der Schillerstraße, Hausnummer 8, Stock Nummer 5, Türnummer 11, war es viertel nach Vier, und das rund um die Uhr. S. stützte den Kopf in die Hände. Wie konnte das alles nur ein Traum gewesen sein? Er er erinnerte sich in diesem Leben an kein einziges Mal an dem er besser gelebt, besser gegessen, besser geliebt, sich besser mit Freunden unterhalten konnte, sogar besser gelacht hatte, als in diesem Traum. Ein Zweifel daran, dass diese tatsächlich die beste aller möglichen Welten war.

Tito gähnte lauter als erwartet und sprang von der Seemannskiste aufs zerwühlte Bett und starrte S. an.
     Die folgenden Stunden schleppten sich mühsam ins nichts. S. hatte sich krank gemeldet. Frau Inge erkundigte sich mit hoher Oktave nach seinem Wohlergehen und wünschte ihm eine bitte baldige Genesung. Er sagte danke und wiedersehen und legte auf. Im Grunde genommen hasste er seinen Job. Doch hatte er seinen vorherigen gehasst und würde auch den folgenden hassen. Schon sein Großvater hatte immer gesagt: „ Arbeiten ist nun mal deppat. Aber da geht’s halt um die Suche nach dem geringsten Übel.“ S. wusste, hatte man erst einmal die Schwelle der Erkenntnis erklommen, man sei einfach nicht zu mehr auserkoren als dem Hier und Jetzt, steht der Zufriedenheit nicht mehr Viel im Weg. Bis vor einer Woche war er sich noch sicher,  an solch einem Punkt angekommen zu sein. Was sollte noch groß auf ihn zukommen?
„Du hättest soviel mehr aus dir machen können“, hatte seine Mutter gejammert. „Gescheit bist du, genau wie der Peter, Gott hab' ihn selig, aber faul. Ich weiß nicht von wem du das hast.“
Gott hab' ihn selig, dachte er. Wie seine Mutter diese Floskel immer hastig zwischen die Zeilen quetschen musste, wenn sie von seinem Vater erzählte. Er konnte sich nicht daran erinnern, seine Eltern je einen Fuß in Kirche setzen gesehen zu haben. Oder auch entfernt nach ihr zu leben. Es ist schon eigenartig, dachte er. Wir leben und ficken wie Heiden nur um dann in Gottesfurcht zu sterben. Wenn alle Stricke erst einmal gerissen sind, wird selbst der Stolzeste zum Hund und verbeißt sich im letzten roten Faden.
     Tito streckte den Rücken und wetzte seinen Krallen am Bettpfosten. S. zischte ihn fort. Er verschanzte sich unter der Kommode und glotzte mit bernsteinernen Murmeln hervor. S. hatte Tito letzten Herbst mit gebrochenem Hinterbein auf der Straße gefunden. Eigentlich hatte er großes Glück gehabt. Er war wieder einmal nach draußen entwischt und wurde von einem Auto angefahren. Halb bedeckt mit dem rostigen Braun des Herbstes hatte er pfeifend am gegenüberliegenden Randstein gelegen.
    Wieder das Handy:
„ Sag einmal, wo bist du? Kannst du nicht abheben, bitte? Ich hab sicher hundert mal angerufen die letzten Tage!"
Die letzten Tage.
S. antwortete nicht. Er lauschte dem Bruchteil an Stille, den sie ihm für eine Antwort einräumte. Als sie abermals Luft holte, legte er auf.
     Der Regen klopfte gegen das beschlagene Fenster. S. öffnete die Luke in der Dachschräge und ein Schwall dreckigen Regens floss durch die Öffnung. Braune Kapillaren von Wasser verlängerten und verzweigten sich und versickerten endlich in der Mauer. Das offene Fenster trug den Geruch vom nassen Asphalt ins Zimmer. S. steckte seinen Kopf aus dem Fenster. Auf den urbanen Spiegeln tummelten sich unzählige Regenschirme in altmodischen Mustern. Ein junges Paar hatte in der Auslagezelle auf der anderen Straßenseite Unterschlupf gesucht. Weiter vorne zerrte eine französische Dogge seine Besitzerin - eine dunkle Frau in durchnässtem Apricot.  Beim Paar tat sich etwas. Wild gestikulierend hastete das Mädchen aus der Glaszelle und stampfte davon. Der Typ versuchte sie am Ärmel zu packen, doch mit einem mechanischen Ruck riss sie sich los. Kopfschüttelnd machte er kehrt und verschwand in die andere Richtung. S. war von seinem Stockwerk aus nicht in der Lage zu erkennen, was sich auf der Straße tat, jedoch hatte er eine interessante Aussicht auf das gegenüberliegende Wohnhaus. Wenn er nicht schlafen konnte, stellte er sich auf Zehenspitzen ans Dachfenster und malte sich aus, was hinter den ewig gleichen Jalousien und Vorhängen gerade vor sich ging. Er stellte sich den 30-alleinstehend-suchend-Typen vor, der sich wenn er unter schönen Frauen ist, einredet, wie glücklich er mit seiner Freiheit ist und sich später mit trockenen Tränen in den Schlaf onaniert. In der Wohnung mit dem Blumentopf hinter der Fensterscheibe lebte in S. Fantasie ein Witwer. Seine Frau war vor sieben Jahren gestorben. Zu Lebzeiten existierte sie ausschließlich als  lebenserhaltendes Organ ihres Mann. Ihr eigenes Leben war Mittel eines für sie nachvollziehbaren Zweckes. Auch der Witwer wird seine Frau nie vergessen, denn ihre Schürze war aus der selben Meterware geschneidert wie die Vorhänge im Schlafzimmer. Hinter jedem Jalousien-Fenster lebte ein Ehepaar in Tristesse. Jahrzehnte von Gold und Jahrhunderte von Frisch-Verliebt entfernt. Der Mensch als Gewohnheitstier ist an dieser Stelle wie so oft sein eigener Wolf. S. hatte gelesen, die einsamsten Menschen seien die, die nie wirklich alleine sind. Sie verflechten sich nur zu sehr in einem Gestrüpp aus ungreifbaren Zielen und Wünschen und übersehen oft die Flora, die abseits dieser rigiden Vorstellung blüht. Einsamkeit ist relativ. S. fühlte sich als Schiffbrüchiger, der umzingelt von Himmel und Wasser dennoch verurteilt war, zu verdursten.
     Draußen im Gang betätigte S. den Aufzug. Mit seinen Fingern auf der Armatur trommelnd, wartete er auf das Aufblinken des eckigen Lichts, das ihm das Erreichen seines Stockwerks signalisierte. Die Kabine roch muffig,  erinnerte an die Wohnung von alten Menschen. Er betrachtete sich in den Handabdrücken im Spiegel. Er versuchte einen Fleck vom Spiegel zu wischen, der ihn im Gesicht störte, doch es gelang ihm nicht. Das dunkle Haar war achtlos zur Seite gefallen. Den braunen Mantel trug er offen, sein Hemd war schlampig in die Hose gestrickt. Er drehte sich zur Seite und musterte sich. Er war dünn geworden. M. hatte ihn in letzter Zeit öfters darauf aufmerksam gemacht, aber erst jetzt fiel es ihm selbst auf. Unten auf der Straße, kramte er in seinem Mantel nach einem glanzlosen Messing-Etui, während er mit der anderen Hand eine Schachtel Streichhölzer aus der Hosentasche fingerte. Im Schutz eines Dachvorsprungs zündete er sich eine Winston an, was ihm nicht sofort gelang. Eine einzelne Begegnung hatte in jenem Traum ausgereicht, um S. ohne Aussicht auf Genesung anzustecken. Infiziert mit einem Ideal, das er über Jahre hinweg im Treibhaus seines Unterbewusstseins gezüchtet hatte. Er schnippte das ausgebrannte Zündholz in den Regen, wo es in der Mitte der Straße liegen blieb.

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.