Das Wort zum Sonntag: Pandora #2

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© David Leitner

Wir waren vielleicht ein Jahr zusammen, nein, wahrscheinlich ein bisschen weniger, als mich S. für einen anderen Typen sitzen ließ. Ich glaube, es war ein Künstlertyp oder das, worauf Mädchen mit ihren Ambitionen zu dieser Zeit so abgefahren sind. Wir trennten uns unter dem Vorwand, dass sie sich gerade selbst finden müsse und gerade niemanden in ihrer Zukunft sehe und allerlei Dinge, die in diese Richtung gingen. Natürlich kam Monate später, als wir wieder zusammen waren, der Directors Cut ihrer Geschichte ans Licht.

    Eigentlich war es Zufall, ein Ereignis, wie es uns die Technik eben manchmal bescherte. Ein offener E-Mail-Eingang, ein Shortcut der Nachrichten, der mehr verriet, als man es befürchten mochte. Ich verzichtete darauf, mich tiefer in diesen Sumpf zu manövrieren und schaltete den Computer aus. Als ich sie bei unserem nächsten Treffen darauf ansprach, erkannte ich in ihrem Blick, dass alles genau so war, wie es aussah. Kein Nutzen für Erklärungen, hier gab es nichts mehr zu sagen, was ich nicht ohnehin schon wusste. Sie schwor mir aufgelöst, dass es vorbei sei, jetzt alles anders sei, sie nur mich wolle.  Ich kratzte die letzten Reste aus dem Grinder und legte eine Hildegard Knef Platte meiner Mutter auf. Ich hörte die komplette B-Seite in einem durch, eins der Lieder zweimal in Folge.
    Was blieb mir anderes übrig, als ihr zu glauben? Ich glaubte ihr, damit es uns besser ging, vielleicht auch einfach, weil ich es glauben wollte. Weil ich nie die Hoffnung aufgegeben hatte, doch noch das Mädchen in S. wieder zu finden, in das ich mich damals verliebt hatte. Ein alter Freund hat mir einmal gesagt, Kummer habe jeder, aber ob man leiden möchte, müsse jeder für sich selber entscheiden. Trotzdem fühlte es sich an, als hätte ich mich keinen Schritt vom Ausgangspunkt weiterbewegt. 50 beschissene Ways to leave your lover und keiner schien mir angemessen.
    Ein paar Wochen später saß ich mit meinen Freunden in dem schäbigen Pub gleich bei mir um die Ecke. Wir tranken widerlich dunkles Bier, das wir nur bestellt hatten, weil es eben auf der Karte gestanden hatte und lauschten Davids lückenhaften Erinnerungen über eine Dokumentation von KRAFTWERK, die er irgendwann auf Arte gesehen hatte.

"Jedenfalls haben die dann aufgehört, selbst live aufzutreten und haben einfach ein paar Roboter an die Instrumente gestellt."
„Ich bezweifle, dass das echte Roboter waren“, warf jemand ein.
„Es waren blecherne Kisten, die wie Roboter ausgesehen haben", blökte David, "willst du Haare spalten und dir dann darauf einen runterholen, oder was?“
Wir lachten, sippten an unseren Bieren und wunderten uns, warum sie hier Slayer spielten.
„Darum geht's doch nicht“, blies ich gelangweilt in mein Bierglas. „Das soll Kunst sein. Es geht hier um die Aussage.“
„Für mich sagt das bloß aus, dass es nicht verwunderlich ist, dass Kraftwerk irgendwann eingegangen sind. Niemand bezahlt Unmengen für ein Konzert, um bekackten Robotern beim Spielen zuzusehen. Würdest du dir so einen Scheiß etwa ansehen? Ich jedenfalls nicht.“
„Ich habe das eher so verstanden, dass der Mensch als Individuum für sich und jeden um ihn herum in seiner Existenz ohne Bedeutung ist“, versuche ich ihm zu erklären, als wäre mir der Gedanke nicht gerade erst jetzt gekommen. „Wir sind doch alle austauschbar, oder etwa nicht? Genau aus diesem Grund kann es Liebe, wie wir sie kennen oder sie uns vorstellen, auch auf keinen Fall geben. Warum sich und den Menschen, die einen meinen zu lieben, treu bleiben? Es geht uns doch um den vergänglichen Moment mit all seinen ästhetischen Reizen, die uns vom langweiligen Alltag ablenken soll. Warum sich also überhaupt noch Reizen oder Abenteuern widersetzen? Widersetzung ist Widerstand und im Endeffekt arbeitet doch jeder gegen Dinge, die sich gegen das stellen, was man für sich selbst will. Darum sind wir früher oder später auch wieder allein.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob Kraftwerk das damit aussagen wollte“, sagte Sebastian und bestellte noch eine Runde. Diesmal richtiges Bier.
 

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.