Das Wort zum Sonntag: Pandora

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gossip
irréversible.
© SU NOYA

Wenn ich als kleiner Junge aus dem Küchenfenster hinaus zu den Reihenhäusern schaute, die unseren Garten umzäunten, beschlich mich manchmal ein Gefühl, das ich damals noch nicht richtig in Worte fassen konnte. Ein leichtes Ziehen zwischen Hodensack und Pobacken, das mit einer seltsam melancholischen Unternehmungslust einhergegangen ist, riss mich dann aus meinen leeren Gedanken und trieb mich hin zu Dingen, die mir in all ihrer Banalität trotzdem ungewohnt erschienen.

    Ich stand am Ende unserer Einfahrt und dachte daran, dass – wahrscheinlich dachte ich an rein gar nichts – aber hätte ich an etwas gedacht, dann vielleicht an diese lauwarme Lust im Bauch, die mich dazu drang, die Thujen hinter mir zu lassen um irgendetwas Aufregendes zu unternehmen.

Unglücklicherweise hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, um was es sich bei diesem etwas hätte handeln sollen.

    Ich ging zurück ins Haus und verließ mich darauf, dass mich das, was mein unreifes Unterbewusstsein zu suchen glaubte, schon irgendwann überrunden und wieder einholen würde. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass mein damaliger Kater Murrli oder Schnurrli von den selben Plagen heimgesucht worden war, als er eine volle Kalenderwoche lang die Wände mit seiner Brunft besprühte. Ich frage mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn mich meine Mutter seinerzeit auch unter einem fadenscheinigen Vorwand zum Arzt transportiert hätte, um meinem Leiden ein prophylaktisches Ende zu bereiten.

     Die Aufklärung in meiner Nachbarschaft wurde getragen von Markus Steiner und Stefan Allinger,  die angeblich in einer Siedlung an den Bahngleisen wohnten, irgendwo in einer Gegend, die keiner von uns je betreten hatte. Angeblich durfte Markus Steiner so lange im Hof draußen bleiben, wie er wollte, was ihm unter uns sofort einen gewissen Anführer-Status verlieh. Keiner von uns konnte sagen, was die beiden eines Tages plötzlich in unsere Straße führte, ehrlich gesagt, es kümmerte uns auch gar nicht weiter. Denn Steiner und Allinger, die mit ihrem Schwamm-Schnitt locker als zweieiige Zwillinge durchgehen hätten können, kamen nicht mit leeren Händen. Sie hatten uns das Feuer gebracht und unsere Gemüter in einen unlöschbaren Brand gesetzt.
     Ich kann mich nur noch vage an den Titel des zerschundenen Magazins erinnern, das Steiner aus seinem Rucksack hervorkramte. Irgendetwas Deutsches und Unverblümtes, das mich ziemlich zum Staunen gebracht hatte. Und dabei handelte es sich bloß um ein paar Wörter, die wir in Fetzen schon hinter den vorgehaltenen Händen der Erwachsenen gehört hatten. Die Frau auf der Titelseite hatte voluminöses, lockiges Haar und trug grellroten Lippenstift, was einen ungewöhnlichen Kontrast zu ihrer sehr dunklen Hautfarbe bildete. Ihre Nippel waren mit gelben Sternchen überdeckt, doch das tat der Sache keinen Abbruch. Die meisten von uns hatten schon irgendwo Brüste gesehen, innerhalb und außerhalb der Verwandtschaft oder zumindest in irgendwelchen Filmen. Ihr gelber Tanga reichte ihr bis über die Hüften und war trotzdem so tief geschnitten, dass es uns den Kopf vernebelte. Wir alle wussten, was wir uns von den Bildern im Magazin erhofften, doch niemand wagte, es direkt auszusprechen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in diesem Moment keiner von uns ganz genau wusste, was ihn erwarten würde. Es stand außer Frage, dass sich hinter diesem lächerlich winzigen Stückchen Stoff etwas verbarg, das anders war. Anders als wir, anders als alles, was uns bisher untergekommen war. Der bis heute geheimnisvolle Schlitz, der sich vom Bikini abhob, wenn den Mädchen beim Schwimmen das Höschen zwischen die Schamlippen geraten war, konnte nicht alles sein, durfte nicht alles sein!
Wir waren dabei einer Verschwörung auf die Schliche zu kommen, der so gut wie jede weibliche Person in unserem Umkreis angehören musste: Die Mädchen unserer Schule, Frau Dingsleder, Peters ältere Schwester, Silke vom Anfang der Straße, ja, sogar unsere Mütter! (aber daran dachte im Moment natürlich keiner.)
    Als Steiner eine Doppelseite aufschlug, auf der eine Blondine mit Bürstenschnitt ihren Schritt in allen erdenklichen Winkeln in die Kamera streckte, ergab auf einmal alles Sinn. Was die anderen davon halten mochten, war mir egal. Ich hatte nicht einmal Lust dazu, mit ihnen nachher darüber zu sprechen und dumme Witze zu reißen.

In diesem Moment blickte ich ins Auge Gottes und wusste, dass nichts mehr so sein würde, wie es war.

 

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.