Das Wort zum Sonntag: Hund und Knechtschaft

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Saliva.
© Johann Husser

Der Mann lässt sie an einen Hund denken, wie er treubehindert und viel zu knapp vor ihren Füßen an der türkisen Leine zwischen ihren Beinen zieht; hier blickt er hündisch zurück, dort pisst er zum Altglas. Da vorne ist ein Supermarkt, ja, er darf mit hinein. Nein, hörst du auf, legst du das zurück, weißt du nicht, das ist Pferd, sagt Susanne. Eine alte Fritteuse mit grünspanigem Dutt bestellt daneben 20Dag Einhornsalami an der Theke, den Anschnitt bitte weg, danke. Geknickt hängt er den fettfleischigen Schwanz zu den anderen an den Ständer zurück.


Lass mich das tragen, Schatzi, das ist zu schwer. Lass mich Mann sein, denkt er insgeheim. Sie reißt ihm das Sackerl wieder aus dem Maul. In solchen Momenten feiert Susannes Verachtung ihren Höhepunkt, rinnt zäh die Innenseite ihrer Oberschenkel hinunter. Seine Hilfe ist ihr Ballast, seine Liebe eine Scherbe, in der sich seine Schwäche spiegelt. Darum hat sie für sich beschlossen, sich auch anderweitig umzusehen. Schönheit, die nur in eine Richtung strahlt, kommt einer Einbahn nahe, meint Susanne. Dir werde ich deine dumme Liebe noch austreiben, lacht sie. Warum ich lache, ach nichts, nur dieser Film letztens im Kino, ja, der war doch lustig, oder nicht?

Schau, ein Geschäft, nein, komm bitte mit rein. Sie hält ihm einen Pulli unter die Schnauze, kurz darauf den nächsten: Oder doch nicht lieber dähn, was meinst du? Die Melodie (Prosodie) ihrer Frage lässt keinerlei Fragen offen. Der Hund weiß, wie er sich zu verhalten hat, ist konditioniert. Er sabbert seine Zustimmung. Deine Meinung ist mir wichtig, denkt sie, solange sie die meine ist. Ob ich den Pulli nehme? Mach dich bitte nicht lächerlich.

Draußen lockt sie ihn mit ihrem Stöckchen, saftig, rot und wattig, und es bleibt dampfend im trockenen Laub liegen. Er riecht, dass er weiter folgen muss, weiß aber nichts davon. Ja, brav, zuhause gibt es dann Lachs mit Butter und Toast und du darfst die Reste von meiner Weiblichkeit lecken, wenn du vorsichtig mit dem Sahnekren bist.
Unverhofft schläft sie vor dem offenen Kühlschrank ein. Für den Hund gibt es heute doch nur Butter.

Am folgenden Tag ist das Frauchen wütend, was hast du jetzt wieder gemacht, der Hund weiß nicht, was los ist, versteht ihr Gebell nicht. In Gedanken ist sie seit gestern bei dem anderen; diesem hier kann man keine neuen Tricks mehr beibringen.
In seiner konsequenten Vorsicht tritt er ihr auf die Füße, immer wieder. Dummer, dummer Köter, hier gibt es nichts mehr richtig zu machen, also kleb’ nicht so an mir… Urlaub? Aber sicher nicht mehr Adria. Städtereise? Entschuldige, dass ich lache. (auch wenn ihr ha-ha mehr dem Sprachapparat als dem Zwerchfell entspringt) Vielleicht Côte d’Azur - Köter da zur… süßen Luise muss ich noch. Nein, wehe du wartest auf mich. Weiß ich doch nicht, wohin, was machen Mustermann und der Rest? Na, also, ich lasse von mir hören. Warte, sonst nimm derweil die Wäsche ab vom Balkon, da hinten kommt der Regen. Ja, sicher von meinem, was geht mich deine Wäsche an? Wann willst du dir endlich einen Schlüssel von meiner Wohnung nachmachen lassen?

 

Er wird später Susannes Ruf nach Beifuß folgen, auch wenn er für die Welt stumm bleibt. Frei ist der Geist, der gehorcht weil er es will. Der Hund liebt in Gedanken und lebt mit potentiellen Verlusten. Wo Besitz ist, ist Verlust nicht weit. Er ist sein natürliches Komplement.

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.