Das Wort zum Sonntag #6

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Glanz.
Johanna Lamprecht


Ich habe nie verstanden, warum es für meinen Vater immer so ein Desaster war, wenn uns auf dem Nachhauseweg von der Autowaschanlage der Regen erwischt hat. „Dieser verfluchte Regen, die Glanzpolitur, alles umsonst!“, vermischte sich seine Stimme mit dem Europop-Gedudel aus dem Radio. Heimlich habe ich dann die Fensterscheibe herunter gekurbelt, um eine flüchtige Prise des kitzelnden Fahrtwinds zu erhaschen; Seinen bitterwarmen Geruch, ein Potpourri aus allem, was dort draußen duften möchte. Mein Vater beeilte sich, den Wagen endlich in der staubigen Garage abzustellen. Aber was konnte der Regen schon etwas Glänzendem anrichten?
 

“Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass das hier für mich funktioniert.”

Lisas Worte prasseln auf den spiegelnden Asphalt wie die dicken Tropfen des Regens, der uns wie eine Blase umgibt. Der Ernst der Lage scheint uns vor der Nässe abzuschotten. Ich schaue sie ungläubig an, als sie fortfährt:
“Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass du wirklich da bist. Ich würde mich sogar wundern, wenn du es jemals richtig warst. ”
    Eine Gruppe vom Regen überraschter Menschen flüchtet sich gerade unter die dunkelbunte  Balustrade eines trés chicen Herrenausstatters, dessen Schaufensterbeleuchtung einen ovalen Teil des Gehsteigs in unnatürlich warmes Licht taucht. Ich liebe es, Leuten dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, ihre überteuerten Modemagazin-Frisuren mit allem möglichen Kram wie Zeitungen und  Plastiktüten vor dem Nasswerden zu bewahren, nur um dann ohnehin wie Penner auszusehen.
Die an uns vorbeirauschenden Autos zirkulieren klares Wasser in ihren Radkästen, setzen schmutziges wieder frei und verschwinden im verschwommenen Schein der Straßenlaternen.
    “Sag mir einfach, wo du bist. Bitte.”
Ihr müde gewordener Blick forscht in meinem nach einer Antwort, doch habe ich die Frage noch nicht einmal verstanden.
“Ich verstehe ehrlich nicht, was du meinst, Lisa. Ich bin doch hier.” Ich nehme ihre schmalen Hände, rosern und klamm von der Kälte, und lege sie auf meine Wangen. Zu meiner Verwunderung fühlen sie sich trotzdem warm und weich an. “Siehst du? Ich bin hier und ich habe auch nicht vor, weg zu gehen. Also was soll das alles?”
Sie zieht ihre Hände von meinem Gesicht zurück und vergräbt sie in ihren Manteltaschen. Sie schüttelt den Kopf, mechanisch, als hätte sie meine Antwort bloß abgewartet, um sie augenblicklich zu verneinen. “Du verstehst einfach nicht, worum es mir hier geht, oder? Natürlich bist du hier. Meine Sinne sagen mir, dass du es bist und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich dich immer um eine Sekunde verpasse. Wir sind vielleicht am selben Ort, aber selten zur selben Zeit zusammen.”
Ich kann mir ein unterdrücktes Lachen nicht verkneifen.

Wir sind vielleicht am selben Ort, aber selten zur selben Zeit zusammen.

Das ist wirklich gut, ganz ehrlich. Telenovela wie aus dem Handbuch. Der kritische Moment in jeder Liebesgeschichte, der die Zuseher bei der Stange zu halten versucht. Welche Einschaltquoten hätte das wirkliche Leben?
   Ich muss schon gestehen, ich habe dich unterschätzt, Lisa Nowikow. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, vom ersten Moment an. Russen sind prinzipiell näher am Schlachtfeld als am Wasser gebaut. „Da Da“ hier „Я люблю тебя“ da da da. Trotzki, Stalin! Die Rollen sind endlich verteilt.
Ich starre in die rehbraunen Tümpel ihrer Augen, tief genug, um einen Hirschen darin verschwinden zu lassen, und warte. Ihr Blick verengt sich, sie scheint es wirklich ernst zu meinen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es oft gesünder ist, einfach nichts zu sagen. Dieser Augenblick schreit jedoch förmlich nach einer rhetorischen Glanzleistungen, nach Worten für die Ewigkeit, die das entgleitete Ruder rumreißen und mich als glänzenden Sieger aus diesem Kampf entlassen. Regen perlt von Lisas Wimpern, färbt sich Schwarz und ebbt in ihren Mundwinkeln. Vielleicht sind es auch Tränen, die ihre alabasterfarbene Haut wie das Fell eines Waschbären aussehen lassen, ich weiß es nicht. Ehrlich. Ich hebe an zum alles entscheidenden Satz und sage:
"Da."

 

    AUTHOR:
    ANDI BINDER

    Repräsentativ war gestern. 

    Der Hahn im SM Korb versucht sich seit Jahren vergeblich in ein imposantes Licht zu rücken. Doch wozu überhaupt? Im Grunde ist es doch völlig nebensächlich, ob er gerne Fahrrad fährt, schwimmt oder aber Katzen gegen den Strich streichelt, denn das Schreiben beherrscht er. Ganz hervorragend sogar.