Musicwatch: Miss Kenichi

lola
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"Ich denke, ich bin im besten Sinne altmodisch."
Fotos: Antje Taiga Jandrig

Die Dame, die uns da zwischen den Bäumen und Gräsern, aus all dem Braun und Grün heraus anblickt, erweckt den Anschein, selbstverständlich zum Inventar der Natur dazuzugehören. Oder fügen sich die erdigen Farben und Töne bipolar in den Ozean der Einflüsse, aus welchem die Musikerin mit Emphase große kelchformende Hände schöpft? Wer schon einmal in den kalten, düsteren Jahreszeiten allein durch einen Wald gegangen ist, wird mit den ersten Takten dieser Musik erneut den moosig-federnden Grund unter den Füßen spüren und den eisigen Wind zwischen den Nasenflügeln riechen können.

 

Kein Zweifel, dass die Songs des neuen Albums The Trail, das die Berliner Künstlerin Miss Kenichi in knapp zwei Monaten veröffentlicht, einen Pfad durch nebulöses Gehölz beschreiben, auf dem der Hörer Stück für Stück emporschreitet. Mit jedem Schritt fügt sich ein Zweig mehr in das musikalische Dickicht, aus dem Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Pumporgel und die schwere Stimme von Katrin Hahner aka Miss Kenichi tönen. Über der Musik liegt ein subtiler Schleier, der an schwere, milchige Nebelschwaden über trüben Tälern und erschöpfter Natur erinnern lässt, die in wenigen Augenblicken von Regen reingewaschen werden. "Die Dinge, die mir etwas bedeuten, die Musik, die Geschichten und Botschaften darin, sollen länger gültig sein als einen Sommer. Darum musste es so klingen. Wie etwas Vergangenes. Wie eine Erinnerung an die Zukunft, die es einmal war", so Hahner. Zeitlosigkeit ist schließlich auch das Wort, das The Trail am treffendsten illustriert. Die Songs klingen innerhalb der ersten Minuten so vertraut, als hätten sie einen bereits im letzten Herbst und Winter, aber auch als lauer Wind über den sommerlichen Getreidefeldern, begleitet und würden einem nun erneut die wohligen Arme um die Schultern legen. 

 

 

The Trail ist das dritte Album der Berlinerin, die damals bei den Vorgängern Collision Time und Fox (sicher schon einmal im Film Werther mit Hannah Herzsprung und Stefan Konarske von 2008 gehört) noch mehr auf die Gitarre als tragendes Element gesetzt hat und inzwischen diverse Instrumente zu vielschichtigen Arrangements verwebt. Aufgenommen im Berliner Chez Cherie Studio, einem großen Raum ohne abgetrennte Aufnahmekabine, ist so gleichsam die Stimmung der Anwesenden auf die Tonspur der Songs als übergeordnete Beigabe spürbar abgefärbt. Co-Produzent der Platte ist der Schlagzeuger Earl Harvin, der bereits mit Air, Seal und Joe Henry zusammengearbeitet hat und seit einigen Jahren die Tindersticks als Drummer unterstützt. "Er ist ein unglaublich intuitiver und genauer Musiker, der von innen heraus begreift, was zu tun ist. Er überrascht mich immer wieder. Er holt stets das Beste aus der Musik heraus. Es ist wunderbar mit ihm zu spielen", beschreibt Hahner. Aber auch Gastbeiträge von Musikern wie Terry Edwards (Gallon Drunk, Tindersticks) und Chris Bruce (Meshell Ndgeocelo, Chris Connelly) haben The Trail letztlich zu seiner ätherischen Prägung verholfen. Entstanden ist ein gelungenes Album, das vor allem dem bevorstehenden Winter ein wenig Zauber und Sanftmut einflößen wird. 

 

Was ihr euch rot im Kalender markieren solltet: Die Dame spielt am kommenden Montag, den 22. September, live im Lido in Berlin. Hin da!

 

 

Künstler: Miss Kenichi

Album: The Trail

Veröffentlichung: 14.11.2014 (Sinnbus Records)

    AUTHOR:
    LOLA

    Modemädchen durch und durch.

    Minimal Chic und New Sports ist ihr Metier, über Normcore und andere Phänomene der Mode kann sie nickend Romane erzählen und trotz Totalausfall beim Anblick der neuesten Laufstegbilder und Lookbooks ist die Dame nicht auf das Köpfchen gefallen. Lola liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.